Einblick in die unendliche Arroganz des Kosmos

Von Michael Rieken

Die sieben Todsünden sind im frühchristlichen Klosterleben entstanden und wurden den sieben Tugenden als Lasterkatalog gegenübergestellt. Man kann sie als eine Art Hausordnung des kirchlich geprägten christlichen Glaubens auffassen. Dass diese „Hausordnung“ nur bedingt funktioniert, zeigen die innerkirchlichen Skandale und generell der Zustand der Welt. Dass die Schwarz-Weiss- Darstellung von „Tugend = gut und Laster = schlecht“ der Komplexität des menschlichen Lebens und Zusammenlebens nicht gerecht wird, scheint klar.

Wie kann man als Künstler eines der Laster interpretieren, wenn sich die Künste gerade in heutiger Zeit gleichermassen aus den Töpfen von Tugend und Laster bedienen? Stefan Demming wurde in dem Ausstellungsprojekt „Die 7 Todsünden. 7 Mobile Installationen“ die Todsünde Superbia: Hochmut (Arroganz, Übermut, Eitelkeit, Stolz) zur künstlerischen Interpretation zugelost. Dies ist besonders interessant, da Demming in vielen seiner Arbeiten gerade jede Form von Hochmut und Arroganz in der Kunst zu vermeiden versucht. Das auf dem Anhänger befindliche Häuachen hat Demming in der Form weiter reduziert (das kleine Vordach über der Tür wurde entfernt ) und samt des Anhängers in einem matt glänzendem Schwarz lackieren lassen. Dadurch chan-giert das Objekt zwischen dem Monolithen aus Stanley Kubrick’s ‚2001: Odyssee im Weltraum’ und einem noblen Klohäuschen im edlem ‚John Player Special’-Look. Da sich die Tür zu diesem Häuschen-Monolithen nicht öffnen lässt, gibt sich das Ganze soweit doch sehr hochmütig verschlossen und mit einer edlen Arroganz abweisend. Da so ein abweisendes Objekt normalerweise den künstlerischen Intentionen Demmings widersprechen würde, können wir an den weiteren Bearbeitungsschritten die Auseinandersetzung als Dilemma nachvollziehen. Ein erster Schritt dazu ist die Anbringung einer Türklinke an dem Objekt. In ihrer stillosen Rustikalität entspricht diese so gar nicht dem minimalistischen, schwarz lackiertem Objekt. Auch wenn man sie herunterdrücken kann, lässt sich die Tür mit dieser Türklinke nicht öffnen. Ebenso wecken die sieben verchromten Türscharniere vergebliche Hoffnung. Die Tür lässt sich nicht öffnen.

Die Anzahl der Scharniere – sieben – verweist auf das ‚Buch mit sieben Siegeln’, d. h. weitere Verschlossenheit. Beim näheren Betrachten stellt man fest, dass in zwei Wänden der unzugänglichen schwarzen Hütte Türspione angebracht sind, die in normalen Haustüren die Bewohner vor unliebsamem Besuch warnen sollen. Durch diese Türspione wird hier umgekehrt ein Blick in das Innere des Objekts gewährt. Im finsteren Schwarz des dunklen Innenraums sind einige Lichtpunkte zu erkennen: sie erlauben uns einen Blick in die unendliche Arroganz des Kosmos.

Nachdem wir vergebens einen Zugang oder Einblick in das Erscheinen von Hochmut und Arroganz – der landläufigen Meinung nach übrigens ein häufiges Wesensmerkmal zeitgenössischer Kunst – gesucht haben, bemerken wir bei der Betrachtung des Objekts aus einiger Distanz, dass sich die Umgebung, in der das Objekt aufgestellt wurde, in der schwarzen Lackierung matt spiegelt. Wie um das fragwürdige moralische Konzept der Todsünden versöhnlich zu durchdringen, hat der Künstler einen Teil der Hüttenhülle mit hochglänzendem Lack übersprüht, so dass sich die Umgebung hier verstärkt spiegelt. An dieser Stelle nimmt das hochglänzende = hochmütige Objekt etwas auf und gibt es demütig wieder. Todsünde und Tugend haben sich durchdrungen, und den Weg dorthin können wir verfolgen.


STEFAN DEMMING

1973
geboren in Westfalen

1999 – 2019
Staatsexamen I+II in Kunst und Geschichte

1999 – 2007
Studium Freie Kunst, Diplom und Meisterschüler im Atelier für Zeitmedien bei Prof JF Guiton, Hochschule für Künste Bremen

2000 – 2013
Preise und Stipendien, u.a. Deutscher Videoinstallationspreis der Stadt Marl, Bremer Förderpreis für Bildende Kunst, Videokunstförderpreis Bremen, OLB-Medienkunstpreis des EMAF Osnabrück, Studienstipendium des Cusanuswerks, DAAD-Reisestipendium für die USA, Projektstipendium der Euregio und des DA Kunsthaus Kloster Gravenhorst

Seit 2010
Kontextbezogene Projekte im Öffentlichen Raum, ua. Die kleinste Show der Welt 2, Plantage, Lebendig Platt, Kunsthalle Weseke (mit M. Rieken) Dietmar Schmale (Do. Billig)

www.stefandemming.de