Wollust und Alltag

Von Oskar Schüren

Halte die Flamme am Schwelen,
Wärmt sich mein Herz doch sonst nie,
Wollust, du Marter der Seelen!1

1 Charles Baudelaire: Das Gebet eines Heiden

Jede Todsünde wohnt in ihrem eigenen Wagen. Wenn man so von einem zum anderen läuft, dann gewinnt man den Eindruck, es handele sich hierbei um einen Wanderzirkus. Das liegt nicht nur an den bunten Farben. Jahrhundertelang waren die Darstellungen der Todsünden zur Abschreckung gedacht. Sie zogen zwischen den Menschen und ihren heimlichen Wünschen eine Grenze, die man nicht übertreten durfte. Auch wenn die Darstellungen mit ihren Mitteln nicht sparten, gelang es ihnen doch nie ganz ihren Gegenstand zu verdrängen: Sie verwiesen immer auf die Sache selbst, auch wenn sie sie verneinten. Die Zeiten haben sich natürlich geändert und so auch die Darstellung der Todsünden, ja der Sünde und des Verbrechens ganz allgemein. Es ist nicht mehr an der Zeit, den erhobenen Zeigefinger zu versuchen. Die Kunst schlägt sich überhaupt ganz selten noch eindeutig auf die Seite der Moral. Denn wo die unsichtbare Grenze verläuft, das ist selbst fraglich geworden, und die Kunst hat und will darauf keine Antwort. Wenn sie den Zeigefinger dennoch bemüht, dann nur noch, um dieses oder jenes gegen die Fülle des Übrigen hervorzuheben. Es ist nun das Motiv der Todsünden ein denkbar abgegriffenes: Viele Hände haben sich daran versucht.

Wir haben hierin eine einfache Erklärung für das Zirkusartige dieses Sündenzuges, denn auch der Zirkus passt ja nicht mehr wirklich in unsere Zeit. Diese immergleichen Attraktionen ziehen, wenn überhaupt, dann nur noch die Kinder in den Bann und vielleicht die Alten, die das Rennen schon lange aufgegeben haben. Was wir sehen, wenn wir an den sieben Wagen vorübergehen, schockiert heute niemanden mehr wirklich: Das alles ist uns ganz alltäglich geworden. Vielleicht besteht aber gerade darin zugleich die Faszination, die all diese Arbeiten dennoch auf uns ausüben: Wie konnte uns das alltäglich werden? müssen wir fragen und: Was kann uns noch erschrecken? Konzentriert in kleinen hölzernen Häuschen ist hier all das verrucht-alltägliche für uns aufbewahrt. Das setzt uns in die Lage, es vorübergehend zu betrachten wie etwas Äußeres, das uns gar nichts angeht.

Es mag zunächst so wirken, als wären die Sünden dadurch gebannt, doch in diesen Häuschen ist nichts eingesperrt. Im Gegenteil: Es sind ja wir, die Ausgesperrten, die durch ein Fenster hineinschauen und für einen Augenblick nur Beobachter sind. Besonders deutlich wird das bei Wiebke Bartsch: Ihre Wollust ist keine Figur. Sie wird absichtlich ausgespart, als dürften wir uns kein Bild von ihr machen. Wenn wir durch das Fenster hineinschauen, dann beschleicht uns das Gefühl, dass hier etwas fehlt. Was da fehlt, das sind wir. Jetzt stehen wir außen davor und schauen rein. Sonst stehen wir drinnen und wissen es vielleicht nicht einmal (und Gott weiß, wer uns dabei zusieht). Aus den Wänden und aus dem Boden wachsen Brüste und Vulven und von der Decke hängen Schwänze herab. Mann und Frau sind hier einerlei, ein Gleiches, ohne je einander zu berühren. Diese Wände sind wie ein lebendiges Symbol für den Tapetenwechsel, der die Beziehung beendet: So dekorieren wir das Zimmer unseres Ehebruchs. Die Wollust hält sich versteckt. Sie schwebt irgendwo unausgesprochen im Dazwischen der Geschlechter. Die Arbeit ist damit noch ganz sündhafte Erwartung. Zur Tat kommt es vorerst nicht. Zwischen oben und unten, links und rechts, vorne und hinten ist noch trennender Raum. Doch die Wollust drängt darauf sich selbst zu überwinden: Sie ist erst gestillt, wenn der ganze Raum in sich zusammenbricht.

So etwas kann nicht geplant werden, sondern kommt über uns wie ein Rausch: Wer diesen Raum betreten will, um die Lücke zu schließen, lässt seine ratio an der Tür. Daran ist dann nichts von Höllenfeuer, das ist ganz alltäglich, allzu menschlich. So verwandelt sich auch das züngelnde Feuer an der Außenseite des Häuschens beim Näherkommen in feurige Zungen. Wiebke Bartsch schafft es immer wieder uns so zu spiegeln, wie wir uns lieber nicht sehen möchten, wenigstens nicht, wenn wir uns beobachtet wissen. Insgeheim gefallen wir uns aber vielleicht doch als Hin- und Hergerissene in einem Raum zwischen Wollen und Lust.


WIEBKE BARTSCH

1995 – 2002
Studium der Freien Kunst an der Kunstakademie Münster bei Peter Telljohann, Jochen Zellmann und Timm Ulrichs Diplom Freie Kunst

2000
Meisterschülerin von Timm Ulrichs

Seit 2002
freischaffende Tätigkeit, Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland, Seminare, Workshops, Kostümgestaltung

2001 – 2003
kuratorische Tätigkeit im Ausstellungsprogramm FAK der Ateliergemeinschaft Fresno, Münster

2007
Lehrauftrag am Institut Textiles Gestalten der Universität Osnabrück

2004 – 2015
künstlerische Mitarbeiterin der TU Dortmund am Institut für Kunst und Materielle Kultur

www.wiebkebartsch.de