Beate Passow: Ira | Zorn

Von Boris von Brauchitsch

Auf edlem Parkett als Ausdruck bürgerlich-moderater Wohnkultur erhebt sich eine Hütte aus Warnwesten, die mit ihren Reflektoren das Grundmuster und Symbol des Aufruhrs geworden sind. Bereits bevor die Gelbwesten in Frankreich Furore machten, hat Beate Passow für eine Ausstellung in Tel Aviv – man könnte meinen: geradezu prophetisch – mit den Rastern von Warnwesten gearbeitet, die nun seit Herbst 2018 eine neue, explizite Botschaft transportieren. Sie stehen für entfesselte Wut, für Protest und Krawall, die einen Staat erschüttern können und nur langsam wieder abebben. Unter allen Lastern ist der Zorn am schillerndsten. Nicht nur wegen der Dynamik, die er freisetzt, sondern weil er zwischen Jähzorn und heiligem Zorn vielfältige Facetten der Erregung anzunehmen vermag. Zorn kann sich sogar in positive Antriebsenergie verwandeln, in eine Empörung über Missstände, die notwendig ist, um diese Missstände aus der Welt zu schaffen. Niemals wäre Gott neidisch oder geizig, gefräßig oder wollüstig – zumindest soweit man den heiligen Schriften glauben darf – aber zornig war er gelegentlich schon. Wiederholt kam der Zorn Gottes über die Menschen als Sintflut, als Plagen, als Pech und Schwefel. Auch Gott erlag der Versuchung, statt tugendhafte Geduld und Sanftmut zu üben, sich vom satanischen Laster hinreißen zu lassen. Damit ist der Zorn wohl die einzige Sünde, vor der selbst Gott nicht gefeit ist. Die menschlichen Spielarten des Zorns manifestieren sich ebenfalls in Aktionen, die Beate Passow exemplarisch in Bildern aus Mythologie, Geschichte und Gegenwart zusammengetragen hat und die auf dem Fond der Gelbwesten präsentiert werden. Die Reflektorstreifen der Westen wirken dabei wie Verweise zwischen den Reproduktionen der Gemälde und Fotografien. Die Vielfalt der Bezüge und Assoziationen streift das gesamte Spektrum zwischen heißblütiger Wut und kaltem Hass, zwischen der Enthauptung des Johannes und dem entfesselten Jack Nicholson in Shining, zwischen Kain und Abel und Kinski und Herzog, zwischen der Ohrfeige, die Beate Klarsfeld 1968 für Bundeskanzler Kiesinger parat hatte und den randalierenden Dresdener Hooligans aus dem Jahr 2017. Es herrscht allerorten emotionaler Ausnahmezustand, ob bei Rammstein oder Pussy Riots, ob bei den Suffragetten in London 1911 oder Marlene Dietrich am Maschinengewehr 1943. Das Innere der Hütte ziert ein Wandteppich, der eine scheinbar blindwütige Aktion der französischen Gelbwesten zeigt: Sie haben der Marianne, der Personifikation der Befreiung auf den Barrikaden, das Gesicht zertrümmert. Hat sie der Zorn blind gemacht? Die Demonstranten ebenso wie die Marianne? Ist die Empörung ausgeufert und richtet sich gegen alles und jeden, sogar gegen die Symbole von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit?

In Beate Passows Zorn-Ensemble scheint es, als habe man nicht die Skulptur zerstört, sondern nur ihr Bild auf der feudalen Tapisserie. Denn längst hatte sich die Bourgeoisie die Marianne als Staffage ihrer saturierten Wohlgefälligkeit angeeignet. Vielleicht war es nötig, ihr Bild zu zerstören, um ihre ursprüngliche Bedeutung als Vorkämpferin der Freiheit wieder ins Bewusstsein zu rufen? Zeigt die Außenseite drastische Statements humanen Zorns, stellt das Innere die wichtige Frage nach der produktiven Kraft der Zerstörung. Denn der Zorn ist vielfältig. Welterschütternd und reinigend, teuflisch und göttlich zugleich.


BEATE PASSOW

1945
geboren in Stadtoldendorf

1969 – 75
Akademie der Bildenden Künste

PREISE UND STIPENDIEN (AUSWAHL)
Gabriele Münter Preis (2017)
Residence Museumsquartier, Wien (2015)
Residence Cité International des Arts, Paris (2011)
Kunstpreis der Landeshauptstadt München (2002)
Förderung der Kulturstiftung der Stadtsparkasse München (2000)
Stipendium der Ernst-Strassmann-Stiftung (Israel) (1996)
Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfond, Bonn (1991)
Risch-Art-Preis, Förderpreis der Landeshauptstadt München (1988)

www.beate-passow.de