Ein BlingBling vor neidischen Blicken schützen —
Katharina Krenkel häkelt einen Zaun

Von Andrea Brockmann

So sieht der Neid aus: Haus und Hänger, beides golden lackiert, verschwinden unzugänglich hinter einem gehäkelten Zaun. Dieser Zaun kann gleichzeitig angstvolle Besitzer vermeintlicher Werte vor den neidvollen Blicken anderer schützen. Das goldene Haus symbolisiert jenes Schöne, Reiche, Glückliche, Mehrhaben, das Neid hervorruft. Eine Emotion, so alt wie die Menschheitsgeschichte: Kain erschlug seinen Bruder Abel, weil er neidisch war, dass Gott dessen Opfer annahm und seines nicht.

Die Künstlerin Katharina Krenkel ist Textilbildhauerin, ihr Beitrag zum Projekt ‚Saligia’ eine mobile gehäkelte Installation. Der Zaun besteht aus einer ‚Bordüren-Rolle’ die wie eine Spule auf dem Hänger hinter dem Häuschen installiert ist und nach Bedarf aufund abgerollt werden kann. Die zwei übereinander gespannten Bahnen der Häkelarbeit, aufgehängt an neun Zaunposten, ragen zwei Meter hoch. Katharina Krenkel hat als Häkelmuster für den Zaun ein Muschelgitter gewählt und arbeitet mit Polypropylenschnur, die in der Landwirtschaft als Pressengarn für Stroh- und Heuballen verwendet wird. Das reißfeste, flexible Garn trotzt der Witterung und ist deshalb für diese Außeninstallation gut geeignet. Katharina Krenkel häkelt nicht nur mit Wolle wie ihre bekannten Busentopflappen oder das wandernde, wachsende Altartuch. Sie experimentiert mit unterschiedlichen Materialien, zerschneidet Müllsäcke in Streifen, benutzt Absperrband oder Videotape, um ihre Objekte wie Amöben, Schmarotzer oder Pilze herzustellen. Ihre Passion, ihre Technik, ihre Kunstform ist das Häkeln. Die Überlieferungen der Häkeltechnik, die in einer Kombination von Weben und Häkeln zur Herstellung von Netzen für die Jagd schon in altägyptischer Zeit genutzt wurde, waren mündliche Überlieferung von Generation zu Generation. Die ersten schriftlichen Beweisstücke von Häkelmustern datieren erst aus dem 18. Jahrhundert. Damals wurde das Häkeln hauptsächlich angewandt um schneller Spitze herzustellen. Daher war das Häkeln ein Statussymbol für die Mittelklasse und wurde nicht in den Salons der Elite akzeptiert.

Vielleicht war der Neid ausschlaggebend für diese Entwicklung. Spitze war ein Luxusprodukt, zierte die Kleidung und Wäsche der Oberschicht. Insbesondere wurde der Kragen zum Ausweis von Stand und Wohlstand: Blütenweiß und aus feiner Spitze musste er sein. Mit der Popularisierung des Häkelns und der Veröffentlichung entsprechender Anleitungen wurde die Herstellung von Spitze für alle Bevölkerungsschichten möglich. In der Kunst erscheint der Neid über alle Epochen hinweg als Geschwür oder Monster, das die Betroffenen von innen zerfrisst. So wie in Giottos 1305 geschaffenem Fresco „Invidia“, deren Zunge aus ihrem Hals schießt wie eine Schlange, die sich einmal um die eigene Achse dreht und ihre Giftzähne zurück gegen die Augen der Missgünstigen richtet. Neid wirkt zerstörerisch, nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für die Gesellschaft. Doch solange existenzielle Ungleichheiten und soziale Ungerechtigkeiten nicht beseitigt werden können, bleibt der Neid ein mächtiges Ordnungsprinzip der Gesellschaft.

Katharina Krenkel gelingt es in ihrer Installation, aktuelle Begriffe der politischen Diskussion wie Neidgesellschaft, Abschottung, Staatsverdrossenheit künstlerisch zu transformieren und in ihrer Formensprache ein metaphorisches und zugleich zeitgemäßes Bild zu schaffen.


KATHARINA KRENKEL

1966
geboren in Buenos Aires, aufgewachsen in Stuttgart

1986
Hochschulreife

1987 – 1993
Interdisziplinäres Studium an der Hochschule der Bildenden Künste Saar, Grundlehre bei Oscar Hohlweck

1993
Diplom in Kommunikationsdesign

Seit 1989
als freischaffende Künstlerin tätig
Mutter von 4 Kindern, lebt und arbeitet in Köllerbach

www.katharinakrenkel.blogspot.com