Der Gula-Grill

Ingrid Raschke-Stuwe

Ein Schlemmer-Palast ist der GULA-GRILL des Künstlers Peer Christian Stuwe beileibe nicht. Eher eine Fritten-Bude, dazu auch noch eine sehr kleine, in freundlichem Rosa mit appetitanregenden Bildern. Auf den ersten Blick. Doch dann bleibt einem der Bissen im Halse stecken. Das Schlaraffenland, Völlerei, Überfluss und die Verheißung endloser Nahrungsaufnahme auf der einen Seite – Bittere Armut, Hungersnot, hungern und verhungern auf der anderen Seite. Essen bis man platzt und hungern bis man stirbt. Vor unseren Augen spielt sich ein groteskes Geschehen ab, eine Art Pandämonium, das uns einen Blick in die Schrecken und Abgründe der Welt gewährt und uns mit menschlichen Deformationen konfrontiert.

Der Künstler greift das Thema Völlerei, Überfluss, Maßlosigkeit und den Gegenpol Hunger, Armut und Mangel an allem auf direkte Weise auf, – plakativ und provokativ. Von weitem schon leuchtet der rosarote GULA-GRILL und lockt mit verführerischen Schnellimbissangeboten: Hamburger, Pommes Frites und die obligatorische Currywurst. Alles schnell und unmittelbar zu haben. Die milde Grundfarbigkeit verleiht der Installation eine zuckerwattesüße Ausstrahlung, lädt ein zum Verweilen und Genießen. Beim Näherkommen jedoch entsteht ein gewisses Unwohlsein. Sogenannte Kundenstopper zeigen auf großformatigen Farbfotos Menschen beim Essen: ein übergewichtiger, etwas schmieriger Mann verspeist genüsslich Kuchen von einem überbordenden Kuchenbuffet, – ohne Hemmungen kämpft er sich durch die Süßwaren. Ein anderer stopft sich gierig mit überquellendem Blick einen mächtigen Hamburger in den Mund. Einen dritten hat es schon auf eine Liege hingestreckt, – bedeckt mit heruntergefallenem Essen ist ihm die Quittung für die übermäßige Nahrungszufuhr bereits auf den dicken Leib geschrieben – Essen als Selbstzweck. Doch dann erschrickt der Besucher. Den inszenierten farbigen Hochglanzfotos sind großformatige Schwarz/Weiss-Aufnahmen von hungernden Menschen aus Afrika gegenüber gestellt: Dokumentarfotos, Schnappschüsse, schonungslos und ungefiltert, die von Ärzten und Krankenschwestern gemacht wurden. Sie zeigen die Kehrseite der Überflussgesellschaft. Verzweiflung, Krankheit und Hoffnungslosigkeit, wie eintätowiert in die Gesichter und Körper, rufen Scham und Empörung hervor.

Das Bild des unterernährten afrikanischen Jungen, der auf seinen dürren Schultern einen Karton mit der Aufschrift ‚World Food Programme’ trägt, platziert neben übervollen europäischen ‚GULA-GRILL’- Tellern, ist wie ein sarkastischer Kommentar zu den Hilfsprogrammen der Internationalen Weltgemeinschaft. Auf die Ausbeutung Afrikas und Asiens durch die Kolonialmächte, auf die Zerstörung gewachsener sozialer Strukturen folgt nun die vom Westen verursachte Klimaveränderung mit dem Entzug der Lebensgrundlagen, mit Dürren und Missernten. Bei der Übertragung der sieben Todsünden in die moderne Welt beschrieb Mahatma Gandhi die Völlerei als Genuss ohne Gewissen.

Die geöffnete Tür des Grillhäuschens mit dem roten Hummer als Zeichen westlicher Dekadenz lädt dazu ein, den Wagen zu betreten und sich im Inneren der Grillstube umzusehen. Etwas zögerlich tritt man ein. Eine Bank fordert zum Verweilen auf. Doch da kommt eine neue Zumutung: Auf 20 kleinen Abbildungen setzt sich die Konfrontation von Zuviel- und Nichts-Haben, Überfluss und Mangel, Leben und Sterben fort. An der gegenüberliegenden Seite befindet sich eine Pin-Wand mit Informationen zum Welthunger, eine Hungerstatistik, die das Ganze in ein nüchternes Zahlenwerk kleidet. Dazu hat jeder Gast hier die Möglichkeit, seine eigenen Überlegungen, Empfindungen und Erfahrungen auf vorbereiteten Zetteln an die Wand zu heften. Das an der inneren Rückwand des GULA-GRILLs angebrachte Bild ‚Die sieben Todsünden’ von Otto Dix aus dem Jahre 1933 verwies seinerzeit auf eine düstere Zukunft.


PEER CHRISTIAN STUWE

1952
geboren in Ennigerloh

1974 – 80
Studium an der Kunstakademie Münster, Staatsexamen
Meisterschüler bei Prof. Gunther Keusen
Philosophiestudium an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Staatsexamen

2003/04
Gastprofessur an der FH Düsseldorf

Seit 1982
freischaffend, lebt und arbeitet in Saerbeck, Westfalen
Ausstellungen im In- und Ausland
Arbeiten in öffentlichen und privaten Sammlungen

www.stuwekunst.de