Faulheit —
eine Installation von Ottmar Hörl

Von Eva Schickler

Die ‚Sieben Todsünden’ spielen bis heute in der gesellschaftlichen Diskussion eine Rolle. In Publikationen zu Religion und Geisteswissenschaft findet dies ebenso einen Niederschlag wie in der bildenden Kunst. ‚Acedia’ – laut Wikipedia latinisiert, aus griechisch  κήδεια ‚Sorglosigkeit’, ‚Nachlässigkeit’, ‚Nichtsmachenwollen’ von κῆδος kēdos ‚Sorge’ – allein für diesen einzelnen Begriff, gibt es viele Möglichkeiten der Übersetzung und der Interpretation. Daher gilt die siebte Todsünde auch als die komplexeste und ambivalenteste. Künstler wie Albrecht Dürer, Marc Chagall, James Ensor oder Jürgen Klauke haben Werke dazu geschaffen. Und so stellt sich die Frage: Wie gelingt es einem Künstler im 21. Jahrhundert ein adäquates Werk zu solch einem komplexen Thema auf relativ kleinem Raum zu realisieren? Die Aufgabe wurde per Losverfahren an den Konzeptkünstler und Bildhauer Ottmar Hörl übertragen – einen Künstler, der den Anspruch hat, mit minimalem Aufwand maximale Ergebnisse zu erreichen.

Zu Beginn stand Hörls Entscheidung, sich für das ganze Material zu entscheiden, das ihm im Bearbeitungszeitraum zur Verfügung stand. Denn im Gegenteil zur allgemeinen künstlerischen Praxis strebt Hörl weder eine individuelle Eigeninterpretation noch eine stilistische Festlegung an. Das bedeutet, dass er alles aus Ort, Zeit, jeweiliger Fragestellung und verwendetem Material ableitet. Die Recherche in deutschsprachigen Buchhandlungen und Antiquariaten, sowohl im Internet als auch in verschiedenen Bibliotheken, ergab schließlich eine Liste mit 40 bis 50 ganz unterschiedlichen Büchern und Heften zum Thema. Auch ein Kunstband war dabei. Ottmar Hörl entschied sich, das Material auch so zu verwenden, wie es dessen Bestimmung entspricht. So ließ er alle Publikationen mit einer Klammer auf den Holzwänden seines Raums verteilen, so, dass diese zum Lesen einfach abgenommen werden können. ‚Skulptur als Organisationsprinzip’ – darunter versteht Hörl das Organisieren von Materialien und deren Überführung in eine andere, neue gestalterische Konstellation.1 Ottmar Hörl organisiert Material wie ein Regisseur. Er versteht sich als Impulsgeber, der die Rezeption des Werkes wie auch immer diese durch das jeweilige Individuum erfolgen mag, bereits in die künstlerische Konzeption miteinkalkuliert hat.

So wird der minimale Raum für Rezipienten zu einer kleinen Bibliothek, die einen gigantischen, vielfältigen Gedankenraum eröffnen kann. Das Musikstück ‚Lob der Faulheit’ des Komponisten Joseph Haydn auf einem Ghettoblaster per CD abspielbar, verweist auf ein weiteres Gebiet, das den Hörsinn miteinbezieht. Ein schlichter Stuhl lädt zum Verweilen ein.

Vielleicht entdecken wir plötzlich Joseph Haydn für uns. Vielleicht lesen wir ein Buch über die Faulheit und finden einen interessanten Ansatz, der uns im Leben weiterbringt. Vielleicht treffen wir einen anderen Besucher und tauschen uns aus. Vielleicht wundern wir uns, was alles Kunst sein kann. Vielleicht denken wir über Senecas Ausspruch nach: „An vielen ist das Leben schon vorübergegangen, während sie noch die Ausrüstung für das Leben zusammensuchten.“ und ändern unser Leben? Wie auch immer – all das ist schon Teil des Kunstkonzepts von Ottmar Hörl, ein Modell der Teilhabe an Kunst, „bei dem sich im Idealfall veränderte Sichtweisen entwickeln.“, so Hörl und vielleicht auch ein Anlass über die Idee von Kunst neu nachzudenken.

1 Ottmar Hörl, Rede an die Menscheit, Trier/Berlin 2010


OTTMAR HÖRL

1950
geboren in Nauheim, lebt und arbeitet in Frankfurt a. M. und Wertheim

2005 – 2017
Präsident der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg

1999 – 2018
Professur für Bildende Kunst an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg

1992 – 1993
Gastprofessur2 an der TU Graz

1985
Gründung der Gruppe Formalhaut mit Gabriela Seifert und Götz Stöckmann

1979 – 1981
Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Klaus Rinke

1975 – 1979
Hochschule für Bildende Künste – Städelschule, Frankfurt a. M.

1979 – heute
Zahlreiche Ausstellungen, Arbeiten im öffentlichen Raum, Werke in Museumssammlungen
sowie verschiedene Auszeichnungen und Preise, u.a. Wilhelm-Loth-Preis,Darmstadt (1998), art multiple-Preis, Internationaler Kunstmarkt Düsseldorf (1997)

www.ottmar-hoerl.de

2 mit Formalhaut