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Die 7 Todsünden
7 Mobile Installationen

Einführung zur Ausstellungseröffnung am 3. Mai 2019

Von Ingrid Raschke-Stuwe

Die 7 Todsünden – verstaubt, veraltet, überholt? – gehören seit dem Mittelalter in den Glaubenskanon der katholischen Kirche.

  1. Superbia / Hochmut
    Stolz, Eitelkeit, Übermut
  2. Avaritia / Geiz
    Habgier, Habsucht
  3. Luxuria / Wollust
    Ausschweifung, Genusssucht, Begehren, Unkeuschheit
  4. Ira / Zorn
    Jähzorn, Wut, Rachsucht
  5. Gula / Völlerei
    Gefräßigkeit, Maßlosigkeit, Unmäßigkeit, Selbstsucht
  6. Invidia / Neid
    Eifersucht, Missgunst
  7. Acedia / Faulheit
    Feigheit, Ignoranz, Überdruss, Trägheit des Herzens

Unter dem Akronym SALIGIA zusammengefasst, handelt es sich bei diesen Persönlichkeitsmerkmalen, die auch als Hauptlaster bezeichnet werden, nicht um eigentliche Sünden, sondern um verwerfliche Charaktereigenschaften, die im Schlepptau schwere und schwerste Sünden nach sich ziehen. Stirbt ein Mensch, nach christlicher Lehre, ohne dass ihm kirchliche Absolution einer zuvor begangenen Todsünde (z.B. Mord, sexuelle Zügellosigkeit, Abwendung von Gott, etc.) zuteil geworden ist, bleibt ihm nur die ewige Verdammnis. In frühmittelalterlichen Büchern finden sich bereits erste bildliche Darstellungen der sieben Todsünden, bezeichnet auch als die sieben Hauptsünden. Auf einer großen Bildtafel begegnen wir zum ersten Mal den sieben Todsünden bei dem flämischen Maler Hieronymus Bosch (1450 – 1516).

(…) In Verbindung mit der Todsünden-Tafel von Hieronymus Bosch wird in der Literatur oft von einer ikonographischen Revolution der Todsünden-Darstellung gesprochen: ‚Beschränkte sich ihr Erscheinen bisher auf die Buchmalereien, finden sie nun (…) erstmalig Eingang in die großflächigen Gemälde.’ (…) Boschs Originalität liegt vor allem in der besonderen Art und Weise seines Erzählstils. Er führt den Betrachter ein in konkrete Szenerien, in Situationen, die nicht den Charakter des Abstrakt-Unwirklichen haben. Seine erzählerische Imagination zeichnet sich vielmehr durch eine Typologisierung aus, die jeden Protagonisten zu einem Teil seiner Milieuschilderung werden lässt. Die allegorischen Merkmale spiegeln sich wieder in den jeweils unübersehbaren Klassenunterschieden (…), wie z.B. bei Geiz und Neid, was die Beteiligten zur Versündigung geradezu herausfordert.1

Später findet die Bearbeitung der sieben Todsünden ihren Niederschlag bei Albrecht Dürer, Goya, James Ensor, Alfred Kubin, Marc Chagall oder Otto Dix sowie aktuell bei Bruce Naumann und Cindy Sherman, – um nur einige wenige zu nennen. Auch im Film und im Theater, in der Musik ( Kurt Weill / Berthold Brecht, aktuell interpretiert von Marianne Faithfull: Seven Deadly Sins ) wird das Thema immer wieder aufgegriffen. Selbst in Musikvideos, in Computerspielen und Mangas bleiben die sieben Todsünden ein immer wiederkehrendes Thema mit einer breiten Interpretationsebene.

Mahatma Gandhi hat schon 1946 die sieben Todsünden in die moderne Welt übertragen und wie folgt definiert: Reichtum ohne Arbeit / Genuss ohne Gewissen / Wissen ohne Charakter / Geschäft ohne Moral / Wissenschaft ohne Menschlichkeit / Religion ohne Opferbereitschaft / Politik ohne Prinzipien. Eine Übertragung, die höchst aktuell ist, auch wenn in manchen Zusammenhängen eine Umwertung stattgefunden zu haben scheint. Ist Geiz wirklich geil? Und sind die Raffkes und Abzocker nicht schon längst salonfähig geworden? Und haben die Invasion der Fernsehköche, die ‚Fresstempel’ und die überbordenden Brunchtafeln nicht inzwischen eine große gesellschaftliche Akzeptanz? ‚Ich bin besser, schöner, klüger’ geht einher mit einer Zurschaustellung von schönheitsoperierten und gestylten Körpern.

Der Journalist Heiko Ernst formuliert es in seinem beachtenswerten Essay zur Frage der heutigen Relevanz der 7 Todsünden wie folgt:

(…) Gerade deshalb stellt sich die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen für seine Handlungen in unverminderter, neuer Schärfe. Das Konzept der Todsünden lädt dazu ein, unsere Fähigkeit zum Bösen anzuerkennen und Verantwortung zu übernehmen. Wir sind auch heute nicht automatisch ‚entschuldigt’, nur weil wir eine wissenschafliche Erklärung für unser Verhalten haben, wir sind nicht schuldlos, wenn wir unseren Zorn ungezügelt ausleben, unserem Neid oder unserer Trägheit nachgeben, unseren Hochmut pflegen. Wir ‚sündigen’ nicht, weil uns gesellschaftliche Verhältnisse dazu zwingen oder weil wir in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen sind oder weil unser Temperament uns eben so handeln lässt – wir überschreiten häufig Grenzen, die wir sehr wohl erkennen können. Wer Schuld für seine schlechten Taten nicht anerkennen will, kann auch die guten nicht für sich reklamieren. Die Todsünden legen unseren Charakter als Ganzes bloß – man kann sie nicht abspalten, rationalisieren oder trivialisieren. Die Fähigkeit zum Bösen ist ohne Zweifel auch heute in uns – und wir haben die Wahl, ob wir eine Grenze überschreiten oder nicht. Der englische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton (1874 – 1936 ) schrieb: ‚Moral besteht wie Kunst darin, irgendwo eine Linie zu ziehen.’2

In diesen Zusammenhang, der hier kurz angerissen ist, haben sich sieben zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen hineingewagt und unter dem Titel SALIGIA jeweils eine der ihnen zugelosten Todsünden reflektiert, zeitgemäß und individuell mit dem ihnen eigenen Formenrepertoire bearbeitet, interpretiert und in einen aktuellen Kontext gesetzt. Im Bild der sieben Todsünden haben sie ein wandelbares Orientierungsmuster aufgezeigt, mit dem sich menschliches Verhalten immer wieder neu erklären und bewerten lässt, und das trotz langer Tradition nichts an Verwunderung und Faszination, Betroffenheit und Entsetzen, nichts an Aktualität eingebüßt hat.

1 Jan-Matthias Schultze (Autor), 2005, Die 7 Todsünden bei Hieronymus Bosch, Otto Dix und weiteren Beispielen, München, GRIN Verlag, Quelle

2 Heiko Ernst, 2014, Aus Politik und Zeitgeschichte, Die 7 Todsünden: heute noch relevant? – Essay